Haltestellen mit Radverkehr - Beispiele aus der ERA

(Empfehlungen für Radverkehrsanlagen, Ausgabe Dezember 2010)
Planungs- und Ausführungsparameter zur Gestaltung von Bus- und Straßenbahnhaltestellen sind den ERA, EAÖ, den RASt 06 sowie der BOStrab enthalten (siehe Wissenswertes). mehr »

Bei der Führung des Radverkehrs an Haltestellen bestehen verschiedene Möglichkeiten die miteinander kombiniert werden (z.B. Mischverkehr, Radfahrstreifen oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn, Führungen mit Bus-Sonderfahrstreifen bei Haltestellen am Fahrbahnrand, Haltestellen an einer Bushaltebucht, Haltestellen mit Haltestellenkap bzw. bei Straßenbahnhaltestellen auf der Fahrbahn oder mit angehobener Fahrbahn). Neben diesen Möglichkeiten wird auch die Führung im Seitenraum als baulich angelegter Radweg mit Fußgängerverkehr angeboten. Die Wahl der Haltestellenform hat demzufolge besondere Auswirkungen auf die barrierefreie Gestaltung.

Die ERA und auch die ERÖ liefern im Bezug zur barrierefreien Gestaltung nur einzelne Aussagen. Ergänzende Informationen sollen aus den "Hinweisen für barrierefreie Verkehrsanlagen (HBVA)" erfolgen. Darin können freilich keine Entwurfsempfehlungen wie bei den Regelwerken entnommen werden, so dass diese Informationen zwar nicht von essentieller Bedeutung sind, jedoch so wichtig, dass diese „Hinweise“ als ergänzende Vertiefungen zur Barrierefreiheit zu verstehen sind. Infolgedessen ist von großer Dringlichkeit explizit nach Alternativen zu suchen und Lösungen anzubieten, die die Konfliktsituationen an Haltestellen zwischen Radverkehr und Fußgängerverkehr weitgehend entschärfen.

Im Detail:
Lösungsbeispiele barrierefreie Fahrbahnrandhaltestellen mit baulich angelegten Radwegen

ERA Bild 24:
Haltestellenkaps bieten am vorgezogenen Gehweg eine größere Warte- und Aufstellfläche für die Fahrgäste im Seitenraum. Diese Haltestellenform wird besonders bei Parkbuchten (-streifen) am Fahrbahnrand bevorzugt. Der Radweg verläuft hinter der Wartefläche der Haltestelle mit dem entsprechenden Sicherheitstrennstreifen. Bei eingeschränkten Platzverhältnissen kann im Haltestellenbereich die Breite des Radweges bis auf 1,00 m reduziert werden (max. Länge 50 m). Der Unterstand für die Fahrgäste sollte im Bereich der Einstiegstür des Verkehrsmittels stehen.

Achtung:
Über den bevorrechtigten Radweg dürfen keine Bodenindikatoren verlegt werden!

Weitere Einzelheiten zur Gestaltung des Auffindestreifens siehe Navigation "Haltestellen - Bushaltestelle mit Radweg" mehr »

Lösungsbeispiel:
Radwegführung im Haltestellenbereich bei mindestens 7,00 m breiten Seitenraum, mit Auffindestreifen für sehgeschädigte Personen.

Für den barrierefreien Zugang vom Gehweg zur Wartefläche ist ein Auffindestreifen am Haltestellenpunkt der Bus-Einstiegstür für blinde und sehbehinderte Personen anzulegen (siehe grüne Markierung).

   
ERA Bild 25:
Beim Anlegen einer Haltestelle unmittelbar am Radweg bestehen Konfliktpotentiale zwischen Radfahrern und Fahrgästen, besonders wenn die Fahrgäste unachtsam oder durch geistige und körperliche Behinderungen den Radweg überqueren. Hauptsächlich beim Ein- und Aussteigen von Personen mit rollenden Fortbewegungsmitteln, mit Kinderwagen oder ältere und sehgeschädigte Personen besteht die Gefahr, dass Radfahrer ungeachtet oder regelwidrig an der Haltestelle vorbeifahren, die zur Kollision führen. Auch wartende Fahrgäste stehen oft gedankenlos auf der Radfahrfläche ohne den ankommenden Radfahrer wahrzunehmen.

Zur Entschärfung dieser Situation schlägt die ERA hierzu vor, den Haltestellenbereich in der Funktion eines "Gemeinsamen Geh- und Radweges" umzugestalten. Der Radweg wird in diesem Bereich baulich unterbrochen und durch eine veränderte Oberflächenbefestigung gekennzeichnet. Am Beginn und Ende der Haltestelle soll die Radwegfläche schräg zum Gehweg hinführen, so dass optisch eine ca. 1,50 m breite Verkehrsfläche im Ein- und Ausstiegsbereich für die Fahrgäste zur Verfügung steht. Der Radverkehr soll mit diesem schrägen Verlauf auch optisch von der Bus-Bordsteinkante bzw. vom Ein- und Ausstiegsbereich weggeführt werden.

Achtung:
Bei der Planung und Umgestaltung von Haltstellen sind stets die Belange mobilitätsbehinderter Menschen zu berücksichtigen!

Die bauliche Veränderung des Haltestellenbereiches beansprucht verschiedene Oberflächenbeläge. Der Wechsel vom Radweg zum Gehweg sollte rollstuhlgerecht erfolgen. Es wäre sinnvoll die Wartefläche mit dem Gehweg materialmäßig gleichzustellen, jedoch in einem anderen Format oder Farbgebung. Der Ein- und Ausstiegsbereich sollte sich kontrastierend zum Umgebungsbelag absetzen und die Bodenindikatoren, wie Leitstreifen und Auffindestreifen mit aufnehmen. Am Haltepunkt der Bus-Einstiegstür ist der Auffindestreifen für blinde und sehbehinderte Personen mit zu integrieren.


Führung des Radweges im Haltestellenbereich bei geringer Flächenverfügbarkeit (> 4,60 m)


Lösungsbeispiel:
Barrierefreie Oberflächengestaltung mit Unterbrechung der Radwegführung im Haltestellenbereich bei mindestens 4,60 m breiten Seitenraum

Der Radweg wird im Haltestellenbereich baulich verändert und mit Zeichen 239 sowie Zusatzzeichen 1022-10 als "Gehweg/Radfahrer frei" vor der Haltestelle ausgeschildert. Der Radfahrer hat bei dieser Verkehrsregelung im Haltestellenbereich keinen Vorrang gegenüber Fußgängern bzw. Fahrgästen. Hinter der Haltestelle erfolgt die Weiterführung des Radweges mit Zeichen 237. Der parallellaufende Leitstreifen zum Busbord verdeutlicht den Ein- und Ausstiegsbereich. Er sollte auf keinen Fall fehlen.

   
ERA Bild 26:
Unter bestimmten Voraussetzungen können nach den ERA auch an gemeinsamen Geh- und Radwegen Haltestellen angelegt werden. Der Haltstellenbereich muss aber durch eine eindeutige Materialgestaltung gekennzeichnet sein. Die Radfahrer sollen in diesem Bereich zur besonderen Aufmerksamkeit und Vorsicht hingewiesen werden. Auf der gesamten Länge des Materialwechsels dürfen auf einer Breite von 2,00 m keine Hindernisse anstehen.

Die Oberflächengestaltung und die Anordnung des Auffindestreifens für blinde- und sehbehinderte Personen mit den erforderlichen Rippenprofilen zur Bus-Einstiegstür kann sinngemäß nach dem Lösungsbeispiel von Bild 25 erfolgen. Der Ein- und Ausstiegsbereich ist allerdings bei dieser geringen Gehwegbreite auf 1,00 m Breite eingeschränkt.

Aufgrund der geringen Flächenverfügbarkeit ist die Aufstellung einer Wartehalle nur ohne Seitenteile möglich. Hier kann der Unterstand nur als Wetterschutz fungieren.


Führung eines gemeinsamen Geh- und Radweges im Haltestellenbereich bei sehr geringer Flächenverfügbarkeit ( > 3,50 m)


Lösungsbeispiel:
Barrierefreie Oberflächengestaltung im Haltestellenbereich bei gemeinsamen Geh- und Radweg mit mindestens 3,50 m breiten Seitenraum

   
ERA Bild 28:
Die Skizze von diesem Bild zeigt den Seitenraum des Radverkehrs, der vom Radfahrstreifen auf der Fahrbahn zum Radweg am Haltestellenkap angehoben wird. Der Radweg im Haltestellenbereich ist zusätzlich mit einem Fahrradpiktogramm gekennzeichnet. Mit dieser Symbolik wird die Bevorrechtigung des Radverkehrs ausdrücklich hervorgehoben und soll die Benutzung der Radverkehrsfläche als Wartefläche für die Fahrgäste unterbinden.

Über die Verringerung der Breite des Radweges mit der Anordnung einer beidseitigen Pflasterung wird beabsichtigt, dem Radverkehr eine erhöhte Sorgfaltpflicht beim Fahrgastwechsel zu verdeutlichen.
Diese Gestaltungsvariante ist sehr problematisch sowohl für den Radfahrer als auch für die wartenden Fahrgäste und beim Ein- und Aussteigen am Verkehrsmittel. Zum Beispiel können blinde und sehbehinderte Personen beim Aussteigen den vorbeifahrenden Radfahrer nicht rechtzeitig wahrnehmen. Auch beim Verlassen der Straßenbahn mit Kinderwagen oder mit dem Rollstuhl können Konflikte mit den Radfahrern entstehen.

Eine pflichtorientierte Haltung aller Verkehrsteilnehmer oder deren gegenseitige Aufmerksamkeit ist bei dieser Haltestellenform der ERA nicht gewährleistet! Sinnvoll wäre, wenn beim Fahrgastwechsel der Radverkehr signaltechnisch gesichert würde.

Wie hier im Lösungsbeispiel dargestellt, verlangt das Anlegen einer barrierefreien Haltestelle, dass die Radverkehrsführung im Haltestellenbereich seine Bevorrechtigung aufgehoben wird. Der Radverkehr wird über eine zeitliche Beschränkung auf dem Gehbereich mit Zusatzzeichen "Gehweg/Radfahrer frei"geführt (siehe auch RASt 06, Bild 87, Seite 99). Diese Fläche ist für den Fußgänger bestimmt, der Radverkehr ist jedoch zugelassen. Der Radfahrer hat bei Benutzung des Haltestellenbereiches besondere Rücksicht auf die Fußgänger zu nehmen und darf nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren.


Prinzipskizze für die Ausbildung einer Haltestelle mit angehobener Radverkehrsführung


Lösungsbeispiel:
Barrierefreier Haltestellenbereich mit angehobener Radverkehrsführung

   

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